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Geschichten aus Afrika 1

Sie waren zurück in Johannisburg. Natürlich wollte Tom nach Soweto, aber eigentlich hatte er im Innersten solche Touren, die ihn an Zoobesuche erinnerten. Livingstone wollte auch, also meldeten sie sich für die Soweto-Tour an und nahmen bei zwei schwarzen Fahrern in einem weißen VW-Bus Platz. Ob sie auch ihre Kameras dabeihätten, fragte man sie. Sie verneinten.

Später stieg ein junger Italiener zu. Er war von der Sorte der jungen, selbstbewussten Manager, die alles auch jedes Detail wissen, sich als das Zentrum jeder Gesellschaft sehen und ununterbrochen reden, berichten, erklären. Er hatte seine Kamera dabei, die von Canon, die im EDV-Bereich alles kann. Tom hätte sie auch gern besessen, sie war ihm aber stets zu teuer gewesen. Tom mochte diese Typen nicht. Er sprach deswegen auch kein Wort mit ihm, auch nicht, als er von ihm gefragt wurde, ob er das erste Mal in Afrika sei.

Auf dem Weg nach Soweto, dem South-West-Township, das sie damals für die Schwarzen gebaut hatten, erzählte man ihnen die gesamte Geschichte über diese Stadt, vom Beginn der Goldgräberzeit an bis zur Befreiung. Die schwarzen Guides waren sehr engagiert, später erfuhr Tom, dass sie Mitte der Siebziger Jahre bei der Befreiung mitgekämpft hatten und jetzt in Soweto wohnten.

Tom hatte viele Elendsquartiere in Afrika und auf der ganzen Welt gesehen. Er war überrascht, was sich ihm nun in Soweto bot; mehr Mittelklassehäuser als sonst wo in der Gegend um Johannisburg und Pretoria. Auch die schwarze Oberschicht wohnte hier, Beverly-Hills nannten sie eine davon.

Bei den Wellblechhütten hielten sie an und wurden zu einem Rundgang eingeladen. Es gab sie noch, einige Reste der Elendsquartiere. Tom war unwohl. Die schwarzen Guides forderten sie auf, das Elend zu fotografieren. Tom meinte, man sei doch nicht im Zoo. Der Italiener steckte daraufhin seine Kamera wieder ein. Ein paar Fotos hatte er aber schon gemacht. Man führte sie zur Wasserstelle, die für hundert Bewohner gedacht war, zeigte ihnen die Chemietoiletten, die einmal wöchentlich geleert wurden und lud sie zu einem Besuch auf einem Hof mit fünfzig Quadratmetern ein, auf dem vier Blechhütten standen, in denen zwanzig Personen hausten. Um Eintrittsgeld in beliebiger Höhe wurden sie auch gebeten.

Danach fuhren sie hinüber zur Regina Mundi, der großen Kirche in Soveto. Die ist wahrlich kein Vorzeigestück mit der Ausstrahlung einer Versammlungshalle, aber sie hat etwas Besonderes. Von hier ging die Befreiung gegen das verhasste Apartheidssystem damals aus. 2500 Menschen fassten sie, aber es sollen 5000 gewesen sein, damals am 16.Juni 1976. Kirche und Kirchhof sollen von Menschen fast zerborsten sein.

Und dann seien sie gekommen, von drüben, von der Polizeistation  und hätten in die Menge geschossen, die weißen Polizisten. Es soll viele Tote und Verletzte gegeben haben. Tom dachte an die Nikolai-Kirche in Leipzig, wo auch alles angefangen und wo auch ein unterdrücktes Volk begonnen hatte, sich gegen ein verhasstes Regime zu erheben, um schließlich seine Befreiung zu erstreiten. Tom beschloss hierher zurückzukommen, am nächsten Sonntag, zum Gottesdienst.

Und dann zeigte man ihnen das Hector-Pieterson-Memorial mit dem Gedenk-Ort auf dem Hügel, oben, mit Blick hinüber auf die andere Seite des Tales, auf Orlando, von wo die Weißen aus ihrer Polizeistation Soweto überblicken konnten. Ein Eisensteg im Memorial führt ans Fenster und provoziert den Blick auf Orlando, wo früher die Blickrichtung umgekehrt war. Orlando liegt strategisch hervorragend. Heute steht an der Stelle der alten Polizeistation eine Schule, Kinder lärmen dort in der Pause, Kinder, wie überall auf der Welt.

Und hier wurde Tom eingeholt von den Eindrücken. Er sah sich bei seinen KZ-Besuchen in Auschwitz, in Buchenwald und Dachau. Er sah Ähnliches hier: Buren-Polizisten, grobschlächtig, denen der Wille zum Schlagen und Treten anzusehen ist, fahren auf den Fotos ihre Einsätze, sind beim Schlagen, Prügeln, Jagen und Schießen zu sehen. Tote Kinder liegen auf der Straße, Briefe von Schülern hängen an der Wand. Der berühmte grüne Chevrolet ist zu sehen, aus dem sie wahllos auf schwarze Passanten geschossen haben sollen, wie man auf dem Jahrmarkt auf bewegliche Ziele schießt. Luftbildaufnahmen hängen hier, auf denen der Aufmarsch der unbewaffneten schwarzen Bewohner Sowetos zu sehen ist. Ein Mann trägt ein totes Kind auf dem Arm, begleitet von seiner weinenden und schreienden Frau. Und überall Verletzte, Tote, Polizeifahrzeuge, schießende weiße Polizisten. Auf manchen Fotos sieht man sie zurückkommen, die Flinte über der Schulter, zufrieden wie nach der Entenjagd.

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